Welch wunderbares Ding ist es doch um das Wissen! Sobald Sich’s unser erst bemächtigt hat, hängt sich’s an uns wie das Moos an den Stein! Bisweilen hätte ich wünschen mögen, alles Denken und Fühlen abschütteln zu können! Doch must’ ich erfahren, dass es nur ein einziges Mittel gibt, den Schmerz zu überwinden: den Tod – einen Zustand, den ich zwar fürchtete, aber nicht verstand. (Mary Shelley)





VERKÖRPERUNGEN DER ANGST

Wenn Literatur mit Eva Illouz gedacht eine künstlerische Antwort auf Fragestellungen der Zeit ist, in der sie geschrieben wird, befragt die Literatur der Angst ihre Zeit auf zweierlei hin. Zum einen fragt sie nach der spezifischen Ausprägung, welchen Ängste der Menschen zu einem bestimmten Punkt ihrer Geschichte ausgesetzt sind. Zum anderen verweist sie durch die Gestaltung des Handlungsverlaufs ihrer Geschichten auf Lösungen, die als vielversprechend und sozial hinreichend akzeptiert erachtet werden. Ein Blick auf die Geschichte der Horrorliteratur enthüllt hier einen Paradigmenwechsel, der zu Beginn des 20ten Jahrhunderts mit Lovecraft einsetzt und bis heute in Autor_innen wie Ligotti fortwirkt.

Kurz zusammengefaßt läßt sich dieser Paradigmenwechsel als thematische Verschiebung des Gravitationszentrums der Handlung weg vom Körper hin zu Manifestationen der Leere beschreiben, mit der zugleich eine Verschiebung vom Konkreten zum Abstrakten einhergeht. Der thematische Bestand der klassischen Gruselgeschichte reicht von Vampiren über Werwölfe, Monster bis hin zu Gespenstern. Lovecraft und Ligotti hingegen beschreiben vor allem Manifestationen des Chaos und der kosmischen Leere, die zwar an Orte, Personen oder Gottheiten geknüpft sind, diese aber nicht in den Vordergrund rücken.

Die Angst in den zahlreichen Geschichten über Vampire, Monster, Werwölfe und Gespenster gilt plötzlichen und nicht kontrollierbaren Veränderung des Körpers, in deren Zuge das Verhältnis des betroffenen Menschen zu sich selbst und zu seiner Welt radikal transformiert wird. Diese Veränderung setzt im Falle der meisten Figuren während des Lebens ein, im Falle des Gespenstes erst nach dem Tod. Das Ergebnis jedoch ist das gleiche. Der vom Vampir Gebissene, das Opfer medizinischer Experimente, der vom Werwolf Zerfleischte und die Gefangenen der Zwischenwelt – sie alle leiden unter den Wirkungen eines Ereignisses, in dessen Folge sie die Herrschaft über ihren Körper verloren, der nun die Kontrolle übernimmt, was in der Regel tödliche Konsequenzen zeitigt. In den meisten Fällen wird diese Veränderung zudem vollkommen bewußt erlebt. Der Werwolf weiß, dass er eine tickende Zeitbombe ist, dazu verdammt, beim nächsten Vollmond erneut zu morden. Frankenstein weiß um seine Stellung in der Welt der Menschen und nimmt den Mord auf sich, wie ein voller Unglück zu akzeptierendes Schicksal und auch Dracula ist ein zutiefst unglückliches Wesen, abgeschlagen und erfüllt von Einsamkeit inmitten einer Welt, die ihn fürchtet.

Merleau-Ponty zufolge ist der Körper eine Form des Zur-Welt-Seins und – wie mit Freud zu ergänzen wäre – dieser Körper ist vor allem ein begehrender Körper. Liegt Ismael mit dem Gedanken an diese Autoren richtig, wird die Zentralität des Körpers in vielen alten Gruselgeschichten vor Lovecraft als eine Auseinandersetzung mit der kulturellen Stellung des Körpers und der mit ihm verbundenen Ängste lesbar. Die Figur des sich gegen den Geist stellenden oder diesen gar übernehmenden Körpers ist zentral mit der Industriearbeit und der mit ihr einhergehenden Unterdrückung der Sexualität verknüpft. Bereits Adam Smith verwies in seinen Analysen des sich entwickelnden Industriekapitalismus auf die Abstumpfung der Sinne durch die Einspannung des Körpers in Arbeitsverhältnisse, die ihn zu einer fortwährend die selben Handgriffe wiederholenden Maschine degradieren. Marx griff diesen Punkt auf und führte ihn mit seiner Theorie der Entfremdung weiter, der zufolge sich Arbeiter_innen im Industriekapitalismus von ihrer Arbeit, ihrem Produkt, vor allem aber sich selbst als Gattungswesen entfernen und sich in letzter Konsequenz verlieren.

Die Unterdrückung oder besser (mit Foucault gedacht) Disziplinierung des begehrenden Körpers weist vor diesem Hintergrund eine ins Auge fallende Ambiguität auf. Er wird gezügelt, gereinigt, exorziert, um sich in eine Produktionsmaschine zu verwandeln und diese Transformation führt aller Anstrengung zum Trotz nicht zu einer Vermehrung des Glücks, sondern zu Abstumpfung und sinnlicher Erkaltung. Die Angst vor den Monstern der klassischen Gruselgeschichte spiegelt die mit dieser Zweideutigkeit einhergehenden Ängste: Einerseits vor den nicht kontrollierbaren Triebregungen des in letzter Konsequenz biologischen Körpers, andererseits die Konsequenzen seiner Unterwerfung, die in den Verlust des Körpers und damit der Genußfähigkeit führen. Die zumeist eng mit dem Begriff der Schuld verknüpften Erzählverläufe beweisen dies ebenso wie das Schicksal der Figuren, die sich erfolgreich von ihrem Körper gelöst haben (Vampire oder Gespenster etwa), dafür aber mit der Freudlosigkeit ihres Daseins ringen.

Auffallend ist auch, wie stark konkretisiert das Böse in diesen Geschichten ist. Nicht nur ist es im wahren Sinne des Wortes verkörpert und dadurch, wenn auch unter Inkaufnahme entsprechend großer Probleme, handhabbar, insofern der Vampir gepfählt, der Werwolf getötet oder das Gespenst ausgetrieben werden kann. Obendrein gelangt es ins Dasein durch die Übertretung einer klar formulierten Norm, etwa als Strafe für die Verletzung zentraler Gesetze, von denen die Gesellschaft regiert wird.

Was Lovecrafts Stellung in der Geschichte der Horrorliteratur und die Größe moderner Autoren wie Ligotti ausmacht, ist die Radikalität, mit der sie das Paradigma der klassischen Gruselgeschichte brechen. Ihre Geschichten umkreisen weder gesellschaftliche Normen noch rücken sie ein verkörpertes Böses ins Zentrum ihrer Reflexionen. Wo mit der Figur Draculas zugleich der Vampirismus verschwindet, das Phänomen also unlösbar mit seiner Inkarnation verbunden ist, fungieren Figuren wie Lovecrafts Chutulhu, Nyarlathotep, Azathoth, Ligottis Dr. Locrian oder Miss Plarr lediglich als flüchtige Symbole eines bislang verborgenen, der menschlichen Selbst- und Weltwahrnehmung diametral zuwiderlaufenden Prinzips. Ob Chutulhu wieder im Meer verschwindet, Nyarlathotep aufgehalten wird oder Miss Plarr aus freien Stücken verschwindet, ist für den Verlauf der Geschichte keineswegs entscheidend. Das zentrale narrative Element liegt nicht in der Jagd des Bösen. Es ist in der Erkenntnis situiert, die durch die Konfrontation mit den Gestalten dieser Geschichten entsteht.

Lovecrafts Figuren verweisen auf das Chaos hinter der Ordnung, die Menschen in das Sein hineininterpretieren, um es sich Untertan zu machen und ihren Platz in ihm zu beanspruchen. Vom Zentrum des Universums entgleiten die Menschen an dessen Peripherie und werden Zeuge der es beherrschenden Willkür, angesichts derer die menschliche Existenz, vor allem aber alle sie regierenden Vorstellungen, Überzeugungen und Sinnangebote sich ausnehmen wie ein schlechter Witz.

Ligotti legt den Schwerpunkt (so zumindest hat Ismael ihn gelesen) eher auf Aspekte wie Fäulnis und Leere. Die Welt ist unter der Oberfläche von einem tiefschwarzen Strom durchzogen, der an ihrem Sein zehrt und es von innen aushöhlt. Statt sich an einem dystopischen Punkt zu befinden, der im besten Fall sofortiges Handeln gebietet und im schlimmsten bereits vom nicht mehr aufzuhaltenden Verfall der menschlichen Existenz kündet, hat das von Dunkelheit durchzogene Sein niemals eine Chance gehabt, seiner Verurteilung zur Degeneration zu entkommen. Der einzige Realismus liegt hier im Pessimismus.

Die Geschichten Lovecrafts und Ligottis ersetzen die Konkretion des verkörperten Bösen durch die Abstraktion einer sich langsam vollziehenden Erkenntnisbewegung, die obendrein nur den Zipfel der Wahrheit zu fassen bekommt und dadurch auf weit größere Schrecken verweist, als die von ihr zum Thema erhobenen. Dies weist auf die veränderte Stellung des Körpers in der Kultur des Kapitalismus hin. Wo die Zügelung des Körpers im klassischen Kapitalismus gegen Mitte/Ende des 19ten Jahrhunderts entscheidend für die Aufrechterhaltung der Gesellschaft und die Figur des entfesselten Körpers mit entsprechenden Ängsten belegt war, erlebte Lovecraft die Anfänge der grundlegenden kulturellen Verschiebungen, die schließlich in den flexiblen Kapitalismus der Moderne führen sollten, deren literarischer Ausdruck im Bereich der Horrorliteratur Ligotti ist.

Das der Körper an Freiheit gewonnen hat (bis hin zur sexuellen Revolution) bedeutet keineswegs das Verschwinden seiner Disziplinierung, die ganz im Gegenteil ihren Zugriff beibehält, indem sie ihre Wirk- und Zielrichtung verändert. Wo der klassische Kapitalismus auf dem versklavten Körper basierte, dessen Zweck im Verrichten harter körperlicher Arbeit und der Zeugung neuer Arbeiter_innen lag, wird der Körper heute im Zuge dessen, was Marcuse als repressive Entsublimierung bezeichnete, vor allem als Reservoir der Libido fruchtbar gemacht, um ihm Affekte, Kreativität und Begehren zu entlocken und in den Warenkreislauf einzuspeisen. Diese Kolonisierung des Körpers durch den modernen Kapitalismus ist es, die ihn Stück für Stück aushöhlt, da die Bewegungen der Ware, in die er eingespannt ist, eine zirkuläre, um sich selbst kreisende und in letzter Konsequenz tautologische Bewegung ist. Stets fällt sie auf jene von Marx beschriebenen Metamorphosen des Geld – Ware – mehr Geld – Ware – mehr Geld – und so weiter ad infinitum zurück, einen Kreislauf, in dem der Inhalt hinter der Form verschwindet (Medium is Message!). Die Abstraktheit des Kapitalkreislaufs entspricht in auffallendem Maße der Abstraktheit des kosmischen Horrors bei Lovecraft und Ligotti. Die Angst ist bei ihnen nicht weniger an den Körper gebunden als bei klassischen Autor_innen wie Shelley oder Stoker, fürchtet aber grundlegend anderes. Sie gilt der Leere, von welcher das Wesen des modernen Menschen heimgesucht wird, um auf das Sein der Welt überzugreifen und richtet sich in letzter Konsequenz auf das Bild einer Existenz, die von absoluter Sinn- und Zwecklosigkeit regiert wird.

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