Aber diese Träume erfuhren eine unliebsame Wendung: plötzlich scharten die Schafe sich zusammen wie vor einem nahen Feind, und in den Getreidefeldern begann es zu wogen, als kröche da irgendein Untier zwischen den Halmen heran. (Algernon Blackwood)





ÜBER HORROR

Ein Zitat aus Lovecrafts Essay "Literatur der Angst" bringt sehr gut auf den Punkt, was guten Horror ausmacht; wo die Angst am größten wird, nicht weil sie im Augenblick intensiver wäre als in anderen Situationen, sondern aufgrund ihres Nachwirkens, der bohrenden, nicht zu beschwichtigenden Frage, die sie aufwirft. Lovecraft schrieb:

„Eine bestimmte Atmosphäre atemloser und unerklärlicher Furcht vor äußeren, unbekannten Mächten muß vorhanden sein, und die schrecklichste Vorstellung, die das menschliche Gehirn befallen kann - nämlich die Vorstellung von einer punktuellen Aufhebung oder Ausschaltung jener unveränderlichen Naturgesetze, die unseren einzigen Schutz gegen die Attacken des Chaos […] darstellen - muß […] angedeutet werden.“

Was aber könnte Lovecraft meinen, wenn er den größten Schrecken in der Aufhebung der Naturgesetze verortet? Auf diese Frage gibt es zwei Antworten: Die erste ist einfach. Lovecraft sagt es selbst am Anfang des Satzes: Hinter den aufgehobenen Naturgesetzen verbergen sich unbekannte Mächte und getreu seiner Überzeugung, die größte Angst sei die Angst vor dem Unbekannten, ist in selbigem für ihn vor allem tiefer Schrecken verborgen. In dieser Aussage liegt Licht und Schatten. Zum einen weist sie auf die Xenophobie hin, die Lovecraft zeit seines Lebens umtrieb und - mal mehr, mal weniger, doch stets in inakzeptablem Maße - zum Rassisten machte.

Interessanter wird sie, wenn sie nicht nur mit dem Unbekannten assoziiert wird, sondern auch mit dem Äußeren, aus dem dieses Unbekannte stammt. Hier ist nicht ein Äußeres im Sinne des Jenseits einer nationalen Grenze oder eines unentdeckten Kontinents gemeint. Vielmehr geht es um ein radikales Äußeres, in dem eine nicht minder radikale Andersheit beheimatet ist, der gegenüber Menschen machtlos sind. Alles, was gegenüber einer solchen äußeren Macht empfunden werden kann, ist die Hoffnung, von ihr verschont zu werden, eine Hoffnung, die sich an nichts klammern kann, da es weder möglich ist, das radikal Andere zu lesen noch sein Verhalten oder seine Absichten zu antizipieren.

Die zweite Antwort ist interessanter. Die Naturgesetze haben mit Lovecraft gedacht vor allem die Funktion, die Menschen gegen das Chaos zu schützen. Auf der einen Seite ist das banal. Würden morgen z.B. die Gravitationsgesetze nicht mehr greifen, käme es zu einem wüsten Durcheinander von herumfliegenden Gegenständen und Menschen, die in den Weltraum zu driften. Eine solche Vorstellung ist keineswegs angsteinflößend - sie erscheint eher lustig. Die Naturgesetze stehen in dem Zitat in engem Zusammenhang mit dem, was in der Philosophie als Epistemologie oder Erkenntnistheorie bezeichnet wird. Jede menschliche Wahrnehmung wird von einem bestimmten Raster organisiert, das sich innerhalb von Geschichte und Kultur zwar verändert, zu einem gegebenen Zeitpunkt an einem gegebene Ort aber recht stabil ist und dafür sorgt, dass Menschen ihre Welt ähnlich interpretieren und aufgrund dessen miteinander reden können.

Ein Beispiel mag hier helfen. Ein Teller mit Essen wird von uns als strukturiertes Ganzes aus verschiedenen Zutaten wahrgenommen, das in uns bestimmte Assoziationen wacchruft, je nachdem, ob wir Appetit haben oder nicht, auf dieses Essen stehen oder es im Gegenteil als ekelig empfinden. Stets jedoch werden wir eine sehr dezidierte Vorstellung davon haben, um welche Sorte von Essen es sich handelt und wie wir uns dazu positionieren. Dies liegt vor allem an unseren Wahrnehmungsgewohnheiten, in dem Durcheinander unterschiedlicher Zutaten Essen zu erkennen und keine amorphe, dampfende Pampe.

Genau dies würden wir aber sehen, wenn die Naturgesetze, oder besser das epistemologische Schema, das unsere Wahrnehmung organisiert, außer Kraft gesetzt würde. Und genau das ist der Moment, den Lovecraft beschreibt: Das plötzliche Versagen unserer Fähigkeit, die Welt in ein sinnvolles Raster einordnen und dadurch lesen zu können. Das resultierende Chaos hätte nichts mit dem Drunter-und-Drüber zu tun, das gemeinhin mit dem Begriff assoziiert wird. Es würde wesentlich tiefer reichen. Das Chaos entspräche einer vollkommenen Entfremdung von der Welt, wie wir sie kennen, ohne Aussicht, je wieder in ihr oder einer anderen Fuß fassen zu können. Und genau darin besteht die von den äußeren Mächten ausgehende Drohung. Schon ihre Präsenz verwandelt alles, was wir wissen, in einen Witz, eine armselige Fiktion. Und genau das ist der Horror.

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