It may be well to remark here that occult believers are probably less effective than materialists in delineating the spectral and the fantastic, since to them the phantom world is so commonplace a reality that they tend to refer to it with less awe, remoteness, and impressiveness than do those who see in it an absolute and stupendous violation of the natural order. (H.P. Lovecraft)





DAS HAUS ALS KÖRPER

Viele klassische Gruselgeschichten spielen in alten Herrenhäusern (ein Begriff der sich als vielsagend erweisen wird) und um die Wende vom 19ten zum 20ten Jahrhundert – einer Zeit also, in der die englische Kultur tief vom viktorianischen Zeitalter geprägt war und auch andere Länder in vielen Dingen des täglichen Lebens nicht wesentlich liberaler waren. Wenn sich ausgerechnet in dieser Zeit Geschichten über Häuser häufen, stellt sich die Frage, ob und wenn ja welcher Zusammenhang zwischen dieser Kultur und ihren Horrorgeschichten besteht und warum das Haus auch danach ein Topos geblieben ist, zu dem die Literatur der Angst immer wieder zurückkehrt. Die im Folgenden von Ismael formulierte These ist zugegeben eine steile, liegt jedoch bereits länger auf seiner Seele und entbehrt nicht einer gewissen Logik.

Zunächst einmal lohnt es, einen genaueren Blick auf die Protagonist_innen oder besser Beteiligten der klassischen Hausgeschichte (z.B. von Edith Wharton) zu werfen. So gibt es zumeist einen bzw. eine Gruppe von Menschen, die das Haus besuchen oder seit längerem in ihm wohnen. Dann gibt es natürlich den Geist oder Spuk, je nachdem in welcher Weise das Unerklärliche sich manifestiert. Das Haus erscheint als dritter Protagonist, dessen Größe und Alter die Tiefe seiner Geschichte und die in ihr verborgenen Abgründe repräsentiert. Es ist keine tote Ansammlung von Stein und Holz, sondern erscheint als personalisierter Urheber der Geschehnisse, die es kraft der Wirkrichtung seiner Geschichte zu einer Choreographie vereint. Diese Konstellation weist auffällige Parallelen zur westlichen Vorstellung des Verhältnisses von Körper und Geist auf, die im Laufe der Wissenschaftsgeschichte radikal voneinander getrennt und bis heute trotz vieler Versuche nicht wieder vereint wurden. Aussprüche wie "Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach" oder die uns so selbstverständlich erscheinende Trennung der Wissenschaft in Physiologie und Psychologie mit jeweils eigenständigen medizinischen und therapeutischen Berufsbildern legen von diesem Umstand deutlich Zeugnis ab. Eine sehr berühmte Formulierung zum Verhältnis von Körper und Geist findet sich in der 6. Mediation von Descartes "Meditationen über die Grundlagen der Philosophie":

"Es gibt aber nichts, was mich die Natur ausdrücklicher lehrte, als das ich einen Körper habe, der sich schlecht befindet, wenn ich Schmerz empfinde, der Speise oder Getränk braucht, wenn ich Hunger oder Durst leide und dergleichen. Ich darf demnach nicht daran zweifeln, daß hierin etwas Wahres liegt. Ferner lehrt mich die Natur durch jene Schmerz-, Hunger-, Durstempfindungen usw., daß ich meinem Körper nicht nur wie ein Schiffer seinem Fahrzeug gegenwärtig bin, sondern daß ich ganz eng mit ihm verbunden und gleichsam vermischt bin, so daß ich mit ihm eine Einheit bilde."

Das Zitat ist vor allem interessant, weil in ihm einerseits zwar eine Einheit zwischen Körper und Geist behauptet wird, diese Einheit aber andererseits von einer unaufhebbaren Differenz heimgesucht wird. Wenn sich im Körper eine Wahrheit kundtut, die nicht bezweifelt werden darf und dies auf dessen enge Verbundenheit mit dem Geist basiert, so sind Körper und Geist in letzter Konsequenz doch getrennt. Schon die Rede von einem Körper, mit dem man eng verbunden sei, setzt voraus, sich als Subjekt (Geist) auf ein Objekt (Körper) zu beziehen, wodurch der Körper als Subjekt dem nach Erkenntnis heischenden Blick stets entgeht. Dieser sich entziehende Teil des Körpers ist es, der Descartes nötigt, zu fordern, man dürfe sich seinen Appellen nicht entziehen, da in ihnen etwas Wahres liege. Damit aber tritt zwischen Körper und Geist potentiell auch eine Beziehung des Misstrauens, da es zwar geboten ist, körperlichen Empfindungen wie Hunger, Durst oder Schmerz zu vertrauen, es aber auch Empfindungen geben mag, gegenüber denen Mißtrauen geboten ist, weil sie unerwünscht sind oder sich gar als Hirngespinste erweisen. Der Geist bewohnt den Körper, steht mit ihm in einem vertrauensvollen Verhältnis, muß aber auch auf der Hut sein, da Vertrauen bekanntlich gut, Kontrolle aber besser ist.

Von hier aus springt die Parallele zu den klassischen Hausgeschichten des viktorianischen Zeitalters deutlich ins Auge. Das Haus kann als Metapher für den Körper gelesen werden: Der Mensch lebt in ihm, bedient sich seiner, kümmert sich um es und hält es instand, wie das Haus es fordert. Der Spuk, der Geist oder das Gespenst sind Störungen im Verhältnis des Menschen zu seinem Haus, ebenso wie psychische Krankheiten nicht selten auf Störungen des Verhältnisses zwischen Körper und Geist zurückzuführen sind. Wo der Körper behandelt oder diszipliniert werden kann (die Selbstgeißelung wäre hier ein extremes Beispiel), ist der Mensch dem Geist, der sein Haus heimsucht jedoch schutzlos ausgeliefert. Der von klassischen Hausgeschichten erzeugte Gruseleffekt kann aus dieser Sicht als der Schrecken einer unheilbaren und dem Verständnis entzogenen Erkrankung von Körper und Geist gelesen werden, der sich noch dadurch verstärkt, das ihr Verlauf kontingent ist und der Heimgesuchte nie wissen kann, was ihm als nächstes wiederfahren wird. Hinter dem Schrecken des heimgesuchten Hauses steht die Furcht vor dem heimgesuchten Körper.

In einer stark von christlichem Konservatismus und rigider Regulation der Sexualität geprägten Zeit gilt diese Furcht vor allem den körperlichen und psychischen Artikulationen des sexuellen Begehrens. Der heimgesuchte Körper ist der begehrende Körper und im Haus spukt weniger ein Geist als der Schatten der gefürchteten und zugleich nicht auszutreibenden Sexualität. Dieser Gedanke wird durch die moralische Konnotation der typischen Hausgeschichte erhärtet. In den meisten Fällen geht der Spuk auf eine frühere oder aktuelle Verfehlung zurück, deren Schauplatz das nun heimgesuchte Haus war, wodurch das Leiden der Protagonist_innen den Charakter der Buße annimmt und nicht selten mit Reue einhergeht. Das der Spuk häufig Menschen trifft, die nicht selbst für die Verfehlungen verantwortlich sind, die Auslöser des Spuks sind, sondern mit diesen allenfalls verwandt sind, wenn sie nicht sogar durch ihre bloße Anwesenheit zur falschen Zeit und am falschen Ort in die Fänge des Geschehens geraten, bringt den Faktor der Ansteckung ins Spiel. Dahinter steht die Tiefe Sorge um die Konsequenzen möglicher Verletzungen der Sexualmoral, zu deren Aufrechterhaltung jede_r Einzelne beizutragen hat, nicht nur, indem er oder sie sich an die entsprechenden Regeln hält, sondern vor allem auch dadurch, dass er entsprechend auf das Verhalten seiner Mitmenschen einwirkt (Kinder, Familie, Freunde, die Gesellschaft als Ganzes). Versagt diese Kontrolle fallen die Konsequenzen auch auf die Regeltreuen zurück.

Wenn hinter dem Haus der Körper steht und hinter dem Geist die Sexualität, stellt sich weiterhin die Frage, wessen Körper und wessen Begehren zur Verhandlung steht. Das die klassischen Hausgeschichten ihre Blüte in einer Zeit erlebten, als das Phänomen der sogenannten Hysterie seinen Höhepunkt erreichte, ist keineswegs ein Zufall. Die Hysterie galt damals als Krankheit, die ausschließlich Frauen heimsuchte und ihren Ursprung in unbefriedigten sexuellen Wünschen hatte, weswegen Patientinnen zu Beginn entweder verheiratet (in der Alltagssprache gibt es noch heute den Spruch: "Die muss doch nur mal richtig gefickt werden!") oder von den Ärzten künstlich zum Orgasmus gebracht wurden (der Vibrator ist in diesem Zusammenhang erfunden worden). Die Sorge um die Sexualität und um den begehrenden Körper war geschichtlich betrachtet vor allem eine Sorge um den weiblichen Körper und den Effekten, die dieser bei Männern hervorrufen konnte (Verführung, Manipulation, Dominanz). Die hysterische Frau ist eine Frau, die von den Tiefen ihres Körpers heimgesucht (der Ursprung der Hysterie wurde in der Gebärmutter gesehen) und um den Verstand gebracht wird und deren Toben und Schreien alle Sorgen um die Angst vor dem sexuellen Körper zu rechtfertigen scheint.

Hinter den Hausgeschichten versteckt sich aus dieser Sicht in letzter Konsequenz die Angst vor dem weiblichen Körper und der weiblichen Sexualität. Da die Frau im Patriarchat schon immer mit dem Haus gleichgesetzt wurde, für das sie sorgt, um ihrem Mann ein Heim zu bereiten, das Basis für dessen öffentliches Leben ist und in dem sie in ihren Kinder die nächste Generation heranzieht, ist die Sorge um die weibliche Sexualität immer auch eine Sorge um die Gesellschaft. Ist der weibliche Körper der Kontrolle entzogen und sein Funktionieren wie bei der Hysterikerin durch die Sexualität gestört, kann dies die komplette Gesellschaft in Frage stellen. Die Angst in der klassischen Hausgeschichte stellt sich in letzter Konsequenz als die Angst vor dem weiblichen Körper heraus, dessen Kontrolle und Beherrschung Grundlage männlicher Herrschaft ist.

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