These voodoo rituals — these Shinto sacrifices — feathered snakes — goats without horns — black leopard cults — bah! Filth and dust that the wind blows away! Dregs of the real Unknown — the deep mysteries! Mere echoes from the Abyss! (Robert E. Howard)





WALTER DE LA MAR

Walter de la Mar zu lesen ist eine so gute wie schwierige Idee. In Deutsch ist im Großen und Ganzen nur noch der Band "Aus der Tiefe. Seltsame Geschichten" aus der Phantastischen Bibliothek des Suhrkamp Verlags erhältlich, um den es im Folgenden auch gehen wird. Im Englischen liegt eine zweibändige Kurzgeschichtensammlung aus dem Verlag "Gilles de la Mare" vor, deren zweiter Band zum Zeitpunkt, da dieser Text geschrieben wurde, unglücklicherweise vergriffen ist und für Preise ab 100 Euro gehandelt wird. Der Band aus der Suhrkamp Bibliothek enthält aber immerhin (wen das trösten mag) alle Geschichten, die Lovecraft in seinem Essay "Supernatural Horror in Literatur" so lobend erwähnt. Nach dem Lesen konnte Ismael nur zustimmen: Diese Geschichten zählen wirklich zum Besten, was das Genre der Horrorliteratur zu bieten hat.

Verglichen mit Lovecraft ist de la Mare ein äußerst leiser oder – vielleicht besser ausgedrückt – subtiler Autor. Wo sich bei ersterem das wohlbekannte Pantheon der alten Götter erhebt und der Welt mit Vernichtung droht, kreisen de la Mars Geschichten vor allem um die Figur des Gespenstes, allerdings in einer Weise, die weitgehend offen läßt, was eigentlich genau passiert (eine Unsicherheit, die sich auch in den Geschichten Robert Aickmans findet). Natürlich ist auch die klassische Geistergeschichte des viktorianischen Zeitalters subtil und nicht selten von Ambivalenz strukturiert. Unzweifelhaft ist jedoch stets die Existenz der Geistererscheinung, die in ihrer Deutlichkeit nicht von der Hand gewiesen werden kann. Die Beunruhigung, die eine derartige Lektüre bei ihren Leser_innen auslöst, geht auf die Grenzüberschreitung zurück, die ihr zugrunde liegt. Das Gespenst tritt aus der Sphäre des Imaginären in das Reich der Wirklichkeit über und stellt dessen Ordnung in Frage.

De la Mar verfolgt hier eine deutlich andere narrative Strategie. Die in seinen Geschichten beschriebenen Vorfälle lassen stets eine natürliche und eine übernatürliche Erklärung zu. Ismael hat beim Lesen der letzteren den Vorzug eingeräumt, da dies das Lesevergnügen zweifelsfrei erhöht – eine Geistergeschichte, die letztlich mit einer natürlichen Erklärung aufgelöst wird, ist nicht spannender als die Erlebnisse der drei Fragezeichen (die diesen Trick in jeden Hörspiel demonstrieren). Ausgehend von einer unvoreingenommenen Interpretation stellt sich die Frage, welche der beiden Erklärungen besser geeignet ist, den Schlüssel zum Verständnis de la Mar's Geschichten zu liefern, jedoch keineswegs so einfach dar. Auf Basis der Texte ist eine Festlegung schlicht nicht möglich.

Wo die meisten Geistergeschichten auf einer Dichotomie zwischen Wirklichkeit und Fiktion basieren und als Hauptthema die Übertretung der sie scheidenden Grenze besitzen, weisen die Geschichten de la Mars eher eine chiastische Verknüpfung der beiden Bereiche auf. Wenn das Wirkliche und die Fiktion nicht voneinander getrennt werden können, erscheint die Wirklichkeit fiktiv und die Fiktion wirklich. Und je weiter diese Überschneidung reicht, desto mehr tendieren beide Seiten dazu, schließlich in einem einzigen Bereich des Möglichen zusammen zu schlagen, dessen wesentliche Eigenschaft in seiner Kontingenz besteht. Die Verlässlichkeit der Wahrnehmung, die Sicherheit des Seins und die Möglichkeit zur Antizipation des Zukünftigen verschwinden zugunsten einer Welt, deren Gesetzmäßigkeiten nur Wahrscheinlichkeiten sind und in der sich jederzeit und allerorten herausstellen kann, wie falsch wir mit unseren Vermutungen über uns selbst und unsere Umwelt lagen. In einer solchen Welt festzustellen, einem großen Irrtum aufgesessen zu sein, bringt den Menschen dabei beunruhigender Weise keineswegs der Wahrheit näher. Vielmehr kann er den Irrtum entweder nur wiederholen oder die Tatsache akzeptieren, keine gesicherten Aussagen über sich oder die Welt treffen zu können. Das eigentlich Beunruhigende bei de la Mar ist die Erkenntnis, sich niemals einer Sache sicher sein zu können und in einer Welt zu leben, deren Wirklichkeit von den Schatten unserer Ängste durchzogen wird, die jedem Versuch widerstehen, sie als Fiktion zu domestizieren. Die Subversion der Wirklichkeit, das Andere, das Gespenstische, sind keine Drohungen von jenseits der Grenze – sie sind immer schon da.

Aus dieser Perspektive stellt de la Mar mit seinen Geschichten einen der Grundpfeiler der heutigen Gesellschaft in Frage. Diese beruht wesentlich auf Dichotomien: Gut und Böse, Schön und Hässlich, Schuld und Unschuld, Gewinn und Verlust. Niklas Luhmann ging soweit, seine komplette Theorie auf der klaren Unterscheidbarkeit antagonistischer Codes aufzubauen, von denen die sozialen Systeme, aus denen die Gesellschaft sich zusammensetzt, strukturiert werden. Und auch die dem Kapitalismus zugrunde liegende Wissenschaft und Technik beruht auf der Fähigkeit zur Unter- und Einteilung klar unterscheidbarer Einheiten, die infolge der Möglichkeit ihrer eindeutigen Scheidung zu immer komplexeren und vor allem effizienteren Einheiten kombiniert werden können (von der Autopresse bis zur Atombombe).

De la Mar's Erkenntnis der wechselseitigen Durchdringung von Wirklichkeit und Fiktion ins Gesellschaftliche zu wenden, bedeutet, sich von einer dichotomischen Wahrnehmung des Sozialen zu verabschieden. Unserer scheinbar so rationalen Wirklichkeit liegen aus dieser Sicht zutiefst irrationale, gar mystische Narrationen zugrunde und die Fiktion ist immer schon real. Dabei ist ersteres so beunruhigend wie letzteres ermutigend. Eine Gesellschaft die – wie Marx so eindrücklich zeigte – sich so weit von ihren Grundlagen entfremdet hat, dass ihr die Resultate ihrer eigenen Praxis als Sachzwänge erscheinen und politisch in letzter Konsequenz zu Margaret Thatchers "There is no alternative" regrediert, ist zweifelsohne eine Gesellschaft, die wie Goethes Zauberlehrling unfähig ist, sich der von ihr heraufbeschworenen Geister zu entledigen. Nicht umsonst hält sich bis heute die Rede von jener "unsichtbaren Hand", die es von einem Nebenschauplatz in Smith "Der Wohlstand der Nationen" zu einem Paradigma der Moderne gebracht hat – gefürchtet und gehuldigt zugleich. Ebenso aber lehrt uns de la Mar, dass die Fiktion immer schon real ist, insofern sie bereits gedacht wurde und damit als Möglichkeit am Horizont erscheint. Und von diesem Horizont kann sie jederzeit ins Zentrum des Seins treten. Marx berühmter Satz zu Beginn des Kommunistischen Manifests:

"Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten."

spricht genau von dieser Möglichkeit. In einer Welt, in der Wirklichkeit und Fiktion von gleicher Wahrscheinlichkeit sind, in der die Fiktion in der Wirklichkeit und die Wirklichkeit in der Fiktion wohnt, kann das eben noch unmöglich Erscheinende so unerwartet wie plötzlich höchst real werden. Genau aus diesem Grund blasen alle zur Hetzjagd auf das Gespenst: Zur Aufrechterhaltung einer dichotomischen Ordnung, in welcher die Dinge sind, wie sie sind, weil sie so sind (nichts ist totalitärer als die Tautologie) und ins Reich der Träume gehört, was nunmal ins Reich der Träume gehört, da es niemals Realität werden kann und vor allem auch nicht Realität werden darf. Die scharfe Trennung zwischen dem Sein einerseits und dem Imaginären andererseits sowie die Errichtung einer starren Grenze zur Unterbindung ihrer wechselseitigen Durchdringung ist einer der klassischen Mechanismen der Macht zur Aufrechterhaltung der Welt wie sie ist. Und genau hier setzt de la Mar an. Das Gespenst versucht nicht, diese Grenze zu überschreiten – es ist immer schon da... als Möglichkeit.

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