Logik ist die Zuflucht für den Feigling. (Clive Barker)





H.P. LOVECRAFT

Lovecraft erinnert an Freud, nicht nur, weil er sich einer psychoanalytischen Deutung aufdrängt; vor allem auch, weil alles und jede_r eine (nicht selten negative) Meinung zu ihm hat, trotz allem aber allen klar ist, dass es keinen Weg gibt, der an ihm vorbei führen würde. Ismael teilt die etwa von den Autoren des "Lexikon der phantastischen Literatur" (ein recht gutes Lexikon aus den 80ern) formulierte Einstellung keineswegs, Lovecraft habe einen schlechten Stil und würde das Böse durch einen (wie Philippe Djian es einmal genannt hat, dem ähnliches vorgeworfen wurde) „Adjektivregen“ heraufzubeschwören versuchen. Nach der Lektüre von Geschichten wie „Dagon“ oder „Cthulhus Ruf“ scheint dieser Vorwurf schwer nachvollziehbar, da Lovecraft es gerade nicht unternimmt, den Schrecken seiner Erzählungen durch abbildhafte Beschreibung steigern oder gar herstellen zu wollen. Vielmehr bleibt das Äußere der Kreaturen weitgehend im Dunkeln, ebenso wie ihre konkreten Absichten, auch wenn klar ist, dass sie wohl weder hübsch noch sonderlich nett sind.

Lovecrafts Stil zeichnet sich durch die wiederholte Verwendung sehr ungewöhnlicher Worte aus, die – das stimmt – meistens Adjektive sind. Mit steigender Werkkenntnis führt das zu einem Lächeln, weil man ihn dabei ertappt, wie er immer wieder auf eine Art Lieblingsvokabular zurückgreift, wodurch ein Stück seiner mit Sicherheit recht exzentrischen Persönlichkeit greifbar wird. Den Wert seiner Geschichten oder ihre literarische Qualität lässt diese Tatsache aber unberührt, zumindest weitgehend. Nebenbei erscheint bis zu einer gewissen Grenze (irgendwann ist natürlich eine Schmerzgrenze erreicht) auch allgemein fraglich, ob gute Literatur sich zwangsläufig immer an einem guten Stil festmacht und in was die Qualität eines literarischen Stils eigentlich liegt. Angesichts einer Spannbreite als gut deklarierten Stils, der von Hemingways Telegrammstil über Célines Argot bis zu den labyrinthischen Sätzen Prousts oder Faulkners reicht, scheint es schwierig bis unmöglich, eine homogene Schnittmenge zu identifizieren, die eine entsprechende Identifikation und Abgrenzung in schlüssiger Weise erlauben würde.

Was Lovecrafts spezifischen und neuen Beitrag zum Genre der Horrorliteratur ausmacht, ist etwas, das abseits von Stilfragen liegt. Es ist eine Perspektive, die er vielleicht bis zu einem gewissen Grad mit Machen teilt, doch pointierter und radikaler zum Ausdruck bringt und so in einen originären Ansatz des Schreibens verwandelt. Viele Gruselgeschichten leben (auch heute wieder) von einer klaren Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Das Böse hält dabei (weil es einen bislang verschlossenen Weg gefunden hat, es gerufen wurde, aufgrund eines Missgeschicks oder was auch immer) Einzug in die Welt des Guten und droht diese zu zerstören. Es erscheint als Strafe (Frankenstein) oder als bislang unentdeckter dunkler Fleck (Dracula) und muss auf jeden Fall beseitigt werden, was im Laufe solcher Erzählungen mit mehr oder weniger großem Erfolg gelingt.

Lovecraft wählt hier einen vollkommen anderen Weg. Er erzählt Horrorgeschichten, die bei näherem Durchdenken nicht vom Bösen handeln. Die „Großen Alten“, „Cthulhu“, „Nyarlathotep“ – sie alle sind nicht das Böse, ebensowenig wie die Protagonisten das Gute verkörpern. Sie verkörpern vielmehr das radikal Andere, ein Anderes, das in keiner Weise aus der bestehenden Ordnung abgeleitet, nicht mit ihr verglichen und damit auch durch keinen der von ihr bereit gestellten Begriffe repräsentiert oder verstanden werden kann. Aus diesem Grund kann es auch nicht wirklich bekämpft werden, da zu diesem Zweck ein Verständnis notwendig wäre, eine zumindest bruchstückhafte Analyse, die erlauben würde, Schwachstellen auszumachen und eine Strategie zu entwickeln. Um den Aspekt der radikalen Alterität zu unterstreichen schreibt Lovecraft seinen Schöpfungen in der Regel eine außerirdische Herkunft zu oder datiert die Zeit ihrer Blüte um Millionen Jahre zurück. Nicht selten kombiniert er diese beiden Strategien der Verfremdung, so zum Beispiel in „Berge des Wahnsinns“.

Das Einbrechen eines radikal Anderen, das nicht assimiliert oder integriert, ja nicht im Ansatz verstanden werden kann, führt jede soziale Ordnung als Ordnung fest umrissener Bedeutungen in eine radikale Krise, wenn nicht in den Zusammenbruch, da sie aufhören müsste, sie selbst zu sein, um sich auf das Andere hin zu öffnen. Deswegen tritt bei Lovecraft der Begriff des Chaos anstelle des Bösen – und das Chaos kann (wie gesagt) nicht bekämpft werden. Deswegen kommt auch keine der Geschichten Lovecrafts zu einem guten Abschluss, auch wenn das Chaos stets nur durch den Türspalt schielt und schließlich durch diverse Glücksfälle überwunden wird oder erst gar nicht zur akuten Gefahr wird, da es lediglich bei tiefem Schlummer überrascht wurde. Es bleibt stets präsent, als das, was hinter der Ordnung lauert und an ihren Säulen nagt. Genau dies ist auch der Grund, weshalb Lovecrafts Geschichten ihre Leser_innen nicht loslassen und länger im Kopf bleiben als viele andere.

An dieser Stelle ließe sich spekulieren, Lovecrafts Substitution des Bösen durch das Chaos finde ihren Auslöser in seinem Rassismus, für den er sich später zwar geschämt hat (mit Blick auf wirklich unerträgliche Formulierungen in frühen Publikationen, z.B. seiner Zeitschrift "The Conservative"), den er aber nie wirklich losgeworden ist, weil er wohl so tief in seiner Persönlichkeit steckte, dass er außerstande war, einen realistischen Blick auf ihn zu werfen (was ihn keineswegs entschuldigt). Denn es stellt sich die schlichte Frage, warum bei Lovecraft das Andere stets mit Schrecken behaftet ist, vor allem, da die Wirkung jeder seiner Geschichten stets auf einer sehr lückenhaften Kenntnis dieses Anderen beruht. Die Darstellung des Anderen als radikal Anderes ist in Lovecrafts Werken also keineswegs durch irgendeine Faktenlage gerechtfertigt, vielmehr beruht sie auf einer phobischen Antizipation des Unbekannten, das zum radikal Anderen verklärt wird. Was hier spürbar wird, ist also auch ein Teil jenes Gefühls, das Rassisten verspüren mögen, wenn sie sich ängstigen, von Fremden, Anderen und Unbekannten überrollt zu werden. Aus dieser Perspektive ließe sich Lovecrafts Werk als Versuch eines Rassisten lesen, mit seinen Ängsten fertig zu werden. Diese Angst auf Cthulhu zu verschieben ist immerhin ein Anfang und war – das ist die Ironie der Geschichte – der Beginn eines neuen Kapitels der Horrorliteratur.

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