Ja, heute hätte Montesquieu kaum eine Chance, Materialist zu bleiben. Wir aber bringen das fertig – kein Problem! Es ist allerdings nicht immer ganz einfach, insbesondere, wenn ein zufälliger Windstoß ein bizarr geformtes Blütenblatt über dieses Meer der unbekannten Phänomene zu uns herüberweht. (Boris und Arkadi Strugatzki)





THOMAS LIGOTTI

Grimscribe

Von Thomas Ligotti gab es bis vor kurzem keine deutschen Übersetzungen, wodurch er hier entsprechend unbekannt ist. Der Festa Verlag hat 2015 seine Kurzgeschichtensammlung "Grimscribe" herausgebracht und es steht zu hoffen, dass andere Übersetzungen folgen werden, da Ligotti in Ismaels Augen wirklich etwas Besonderes ist. Er vollbringt das oft versuchte, in nahezu allen Fällen jedoch zum Scheitern verurteilte Kunststück, sich in die Tradition Lovecrafts zu stellen und doch weder dessen Stil noch dessen typische Inhalte zu übernehmen, auch wenn diese an manchen Stellen augenzwinkernd, vielleicht gar selbstironisch, eingestreut werden (wer sich an die Lektüre macht, lasse sich nicht von der ersten Geschichte täuschen, die eine absichtsvolle Reminiszenz an Lovecrafts Schatten über Innsmouth ist).

Der Stil Ligottis ist für das Genre auffallend poetisch, an vielen Stellen voller Mystik und hüllt die Handlung in eine zwischen den Zeilen hervorscheinende Atmosphäre lauernder Bedrohung, welche die Existenz einer Ebene oder Wahrheit suggeriert, die sich unsichtbar hinter den Geschehnissen verbirgt. Grimscribe liest sich, als würde diese Ebene eine Spur hinterlassen, indem sie hier und dort Risse in die gewohnte Welt treibt, denen die Geschichten des Bandes nachspüren, ohne ihr jedoch auf die Spur zu kommen.

Das eigentlich Besondere besteht in einer erzählerischen Architektur, die ohne die in der Horrorliteratur tragende Figur des Anderen auskommt. Das Gegenüber sind weder Dämonen noch Sekten oder andere Götter, ältere Wesen, geschweige denn Figuren aus der Mottenkiste des Genres wie Vampire oder Werwölfe. Neben dem Einfluss Lovecrafts sind bei Ligotti – wenn auch weniger ins Auge fallend – deutliche Spuren Algernon Blackwoods erkennbar, der bekanntlich Pantheist war. Dort allerdings, wo Blackwoods Patheismus einer allem Seienden zugrunde liegenden Kraft der Natur gilt, liegt Ligottis Augenmerk an deutlich anderer Stelle und zielt mehr auf eine Art kosmischer Ursubstanz, die sich hinter dem Universum und der Welt als einem seiner Teile verbirgt.

Ligottis Vision ist dabei so einfach wie effektvoll. Diese hinter den Erscheinungen liegende Ebene des Seins (philosophisch ausgedrückt könnte man hier von ontologischer Differenz sprechen) ist nicht mehr als eine schwarze Fäulnis, die alles affiziert, was aus ihr hervorgeht, seien es selbst Blumen in einem Garten. Das Grauenhafte dieser Vorstellung liegt in ihrer Totalität: Es existiert kein Ort, der Zuflucht vor der Verworfenheit allen Seins bieten würde. An die Stelle eines bösen, vernichtenden oder indifferent destruktiven Anderen tritt bei Ligotti die Vorstellung dessen, was sich mit Emil Cioran als "verfehlte Schöpfung" beschreiben ließe. Wenn das Sein immer schon von Dunkelheit und Fäulnis durchzogen ist, hat es nie die Chance gehabt, sich zur Blüte zu erheben, da ihm die Verfehlung eingeschrieben ist. Die Dunkelheit der Geschichten Ligottis geht auf reine Fatalität zurück und ist dem menschlichen Handeln radikal entrückt, das sich in letzter Konsequenz immer als Teil des verfehlten Seins entpuppen wird. Ob die Menschen dasitzen und zuschauen oder sich darum bemühen, sich auf der Welt einzurichten, läuft stets auf dasselbe hinaus: Auf das Scheitern.

Genau dieser Ansatz macht aus Ligotti einen hoch modernen Autoren. Er hat die Überreste des Christentums ebenso hinter sich gelassen wie dessen Substitute in den Werken des Lovecraftzirkels. Was Ligottis Geschichten befeuert, ist eine spezifische Form des Pessimismus. Der Optimist, heißt es, ginge davon aus, in der besten aller möglichen Welten zu leben, wohingegen der Pessimist befürchten würde, genau dies könne der Fall sein. Der springende Punkt ist die Tatsache, dass beide auf dieselbe Welt schauen, aber zu gänzlich unterschiedlichen Einschätzungen gelangen. Wo der Optimist auf zivilisatorische Errungenschaften im menschlichen Zusammenleben verweist, räumt der Pessimist diese zwar ein, verweist gleichzeitig aber darauf, sie seien nicht geeignet, das wahre Übel in den Griff zu bekommen. Nichts ist es wert, zu überdauern, so die Botschaft und die Hoffnung findet jenseits des Selbstbetrugs keinen Anhaltspunkt, an dem sie sich festhalten könnte.

In den Geschichten liegt in letzter Konsequenz genau dieser abgrundtiefe Pessimismus verborgen und stellt ins Säkulare gewendet die Frage: Hat eine Welt, die Konzentrationslager, Kriege und Hunger hervorbringt, jemals eine Chance gehabt? Sicherlich ist es möglich, am Sinn einer solchen Frage zu zweifeln: Ihre Richtung verweist ins Apolitische, sie blendet die spezifischen Ursachen für die Zustände aus, auf die sie zu antworten vorgibt und sie wird von einem archimedischen Punkt aus gestellt, der sich bei näherem Hinsehen als die privelegierte Position derjenigen erweist, die sich solcher Muße hingeben können, da sie keine Sorge um ihr Wohlergehen haben müssen. Kurz: Sie ist jede_r Gesellschaftswissenschaftler_in notwendig zuwider, da sie ein komplettes Wissenschaftsgebiet links (oder rechts?) liegen lässt. Was mit der Frage am Boden der Geschichten Ligottis zur Verhandlung steht, ist die Bereitschaft, an die Möglichkeit zu glauben, die Welt ließe sich zum Guten verändern, ob nun sukzessive oder auf revolutionärem Wege. Und das Grauen seiner Geschichten liegt in der kleinen Frage, die sie in den Hinterkopf ihrer Leser_innen projezierten: Was ist, wenn er recht hat?

Konsequent durchdacht stellt eine Welt ohne Hoffnung die schlimmste Form des Grauens überhaupt dar. Der Mensch ist ein in der Zeit existierendes Wesen und die Hoffnung ist es, die ihn bewegt, Pläne für die Zukunft zu machen. Ohne Hoffnung wird die menschliche Existenz radikal auf die Gegenwart zurückgeworfen und gerät immer mehr zu einer trägen Form der Selbstübereinstimmung, die jedes Handeln und jede Vision unmöglich macht. Ohne Hoffnung bleibt vom Menschen und der Welt nicht mehr als der Alp der Depression. Das wahre Grauen dürften die Geschichten Ligottis damit in den Augen von Optimisten entfalten, was ihnen – und das ist nicht ohne Ironie – eine lebensbejahende Komponente verleiht.

Songs of Dead Dreamer

"Songs of a Dead Dreamer" ist das erste Buch Ligottis, auch wenn Ismael es erst nach "Grimscribe" gelesen hat. Ligotti liest sich nicht leicht, insbesondere nicht in Englisch, ebenso wie Lovecraft. Ligottis Erstling wird zum Teil als eine kleinere, weniger ausgereifte Form seines zweiten Buches gehandelt und damit – wie zahlreiche Erstlingswerke – zu einer Art literarischem Vorspiel degradiert, das zwar vielversprechend sei, seine wahre Bedeutung aber vor allem darin findet, auch spätere Werke zu verweisen.

Nicht nur ist eine derartige Betrachtungsweise von Literatur unfair gegenüber den Büchern, die sie zu analysieren vorgibt. Sie ist vor allem konstitutiv darauf ausgerichtet, ihren Gegenstand zu verfehlen, indem sie selbigen lediglich als Verweis interpretiert, anstatt ihn für sich zu betrachten. Natürlich enthält Songs of a Dead Dreamer vieles, was in Grimscribe intensiver und pointierter heraus gearbeitet wird, besitzt jedoch auch hoch interessante Elemente, die auf diesem Weg verloren gehen, wodurch die Transition von einem zum anderen Werk zu einer spezifischen Verbindung von Gewinn und Verlust wird, die jedes Buch einzigartig macht (dies gilt nicht nur für Ligotti).

Beim Lesen von Songs of a Dead Dreamer fällt auf, dass Ligotti das Element des Horrors anders verortet als in Grimscribe. Verweisen die Geschichten in letzterem Band auf eine Art ontologische Verworfenheit des Seins hinter den alltäglichen Dingen, ist der Blick in Ligottis Erstling in wesentlich stärkerem Maße auf das Individuum und die Zwischentöne seines Verhältnisses zu anderen gerichtet. So beschreibt etwa gleich die erste Story des Bandes die Geschichte einer Kindesentführung aus Sicht der Eltern, die im Wohnzimmer sitzen und das Verhängnis nahen fühlen, dessen Existenz sie zugleich bestreiten, um schließlich davon überrollt zu werden. Der Fokus dieser Geschichten erinnert ein wenig an die von Clive Barker in seinen "Büchern des Blutes", in denen der Zugang zum Übernatürlichen stets durch die Geschichte von Menschen gesucht wird, deren Normalität und Durchschnittlichkeit als Zeugen der Nähe des Grauens unter der Oberfläche der Dinge fungiert. Doch – und hier liegt die Nähe zu Grimscribe – ist das Übernatürliche bei Ligotti stets der Teil oder Ausschnitt, vielleicht gar die temporäre Inkarnation, eines Grauens, das die Totalität des Seins umfasst. Insofern ließe sich die These aufstellen, Songs of a Dead Dreamer und Grimscribe stünden nicht im sukzessiven Verhältnis von Erstling und (reiferem) Folgewerk, sondern verhielten sich komplementär zueinander, indem sie das Grauen einmal vom Standpunkt des Singulären und einmal aus der Perspektive der Totalität in den Blick nähmen.

So viel über das soeben Dargelegte spekuliert werden mag, so wenig kann bestritten werden, dass Songs of a Dead Dreamer insofern einzigartig ist, als es zwei dezidierte Auseinandersetzungen Ligottis mit dem Handwerk des Schreibens enthält: "Notes on the Writing of Horror: A Story" und "Professor Nobody's Little Lectures on Supernatural Horror". Erstere ist vor allem narrativ interessant und insofern ungewöhnlich, als hier das Augenzwinkern des Autors in einem solche starken Maße durch die Zeilen dringt, dass die Geschichte gemessen an Ligottis sonstigen Schaffen schon heiter genannt werden kann. Auch wenn Ismael viel gelesen hat: Eine derartige Mischung aus autobiographischen Elementen, Literaturtheorie und Fiktion ist ihm noch bei keinem Autor untergekommen. Die Geschichte kann als einzigartiges und zudem gelungenes schriftstellerisches Experiment gelten, das bei mehrmaligen Durchdenken (je nachdem auf welcher Ebene des Textes) Schicht um Schicht von sich preisgibt.

Der kleine Text "Professor Nobody's Little Lectures on Supernatural Horror" ist aus Ismaels Sicht jedoch noch spannender, weil es sich hier um eine literaturtheoretische bzw. philosophische Einlassung Ligottis zu den Themen Horrorliteratur und Pessimismus handelt. Hier ist bereits im Keim angelegt, was später in "The Conspiracy against the Human Race" zu einem voll ausgereiften Text werden wird. Ligottis grundlegende These besitzt eine gewisse Nähe zu Freuds Überzeugung, die Conditio humana ließe sich nur durch die Verdrängung ihrer Absurdität in die Gestaltung eines sinnvollen und erfüllten Lebens überführen (angesichts des sicheren Todes wäre in letzter Konsequenz jede Bemühung umsonst). Der Horror hinter der Fassade unserer Existenz, so Ligotti, ist so nahe, so dürftig kaschiert, dass eine kleiner Zweifel oder ein flüchtiger Blick zur Seite ausreichen könnten, um auf den erschreckenden Grund der Dinge und der Existenz zu blicken. Er geht also weiter als Freud, indem er suggeriert, einfache Verdrängung würde angesichts der Nähe des (ontologischen) Grauens nicht wirklich funktionieren. Die Haltung des Menschen ähnelt bei Ligotti eher dem, was Sartre (der nicht an das Unbewußte und damit auch nicht an die Option der Verdrängung glaubte) einmal die Unaufrichtigkeit genannt hat: Die Tatsachen ebenso zu bestreiten wie den Akt des Bestreitens selbst. Als Konsequenz wird der Mensch zu einer gespaltenen Spezies, für welche Horrorliteratur eine Schlüsselfunktion im Umgang mit der Omnipräsenz des Grauens übernimmt. Durch die literarische Bearbeitung des Grauens der menschlichen Existenz und Welt werden selbige einerseits handhabbar und sinnvoll, andererseits aber auch (im Schreiben und Lesen) erlitten:

"Once and for all, let us speak the paradox aloud: We have been force-fed for so long the shudders of a thousand graveyards that at last, seeking a makabre redemption, a salvation by horror, we willingly consume the terrors of the tomb... and find them to our liking."

Der Mensch ist aus dieser Sicht ein gespaltenes Wesen, das mit der Widersprüchlichkeit seiner Existenz fertig wird, indem es das darin liegende Grauen konsumiert. Ob man Ligottis anthropologischen Grundton (der Mensch, die Existenz...) teilt oder nicht, stellt er mit diesem Satz auf jeden Fall ein zentrales Element der heutigen Ideologie in den Vordergrund. So handelt es sich bei den modernen westlichen kapitalistischen Staaten um Ordnungen, die ihre Stabilität unter anderen daraus beziehen, ihren Bürger_innen den von ihnen (den Staaten) produzierten Ausschluss als Unterhaltung zurück zu spielen und ihm auf diese Weise das Potential zur Empörung zu entziehen, das unter anderen Umständen die affektive Basis des Bestrebens nach politisch-ökonomischer Transformation sein könnte.

Und auch hier liegt im Pessimismus der Optimismus verborgen. So wie das Grauen des Pessimismus aus Grimscribe seine stärkste Wirkung in den Augen von Optimisten entfalten dürfte (was berechtigt, es als Gespräch mit dem Optimismus zu interpretieren), gibt es auch in Songs of a Dead Dreamer einen Überschlag ins Utopische. Im Grunde formuliert Ligotti ein Paradox, das ähnlich funktioniert wie Camus Bild des Sisyphos. Wenn es dessen Größe ist, jedes Mal aufs Neue den Berg herunter zu steigen, um den Stein erneut empor zu rollen, so liegt die Größe des Menschen bei Ligotti darin, das in seiner Existenz liegende Grauen nicht zu verdrängen (Freud), sondern es als Antrieb seines Handelns zu nehmen, was durchaus – auch wenn Ligotti das wahrscheinlich bestreiten würde – in Richtung einer neuen Utopie weisen kann.

My Work ist not yet Done

Ligottis kleines Buch "My Work is not yet Done. Three Tales of Corporate Horror" erscheint auf den ersten Blick – insbesondere vor dem Hintergrund des Erkenntnisinteresses dieser Webseite, das darin besteht, dem Zusammenhang zwischen Horrorliteratur und Kapitalismus auf die Spur zu kommen – ein wahrer Volltreffer zu sein. In einer langen und zwei verhältnismäßig kurzen Geschichten verbindet Ligotti das Milieu der Großraumbüros moderner Konzerne mit den beherrschenden Themen seiner Spielart von Horrorliteratur: Der Fäulnis des Seins, der Existenz eines dunklen Kerns im Herzen der Welt und eines aus der fatalistischen Einsicht in die Zwecklosigkeit menschlichen Strebens gespeisten Pessimismus. Ismael war hier mehr als neugierig – versprach das Buch doch vieles von dem, was an dieser Stelle erarbeitet werden soll, auf dem Silbertablett darzubieten.

Leider ist dies auf den ersten Blick keineswegs der Fall. Die wirkliche Verbindung der beiden Welten (Konzern und Horror) gelingt Ligotti allenfalls oberflächlich, wodurch die Geschichten wahrscheinlich nicht schlechter funktionieren würden, wenn Ligotti sich entschieden hätte, sie in einen anderen Kontext zu betten. In der Hauptgeschichte geht es beispielsweise um die Themen gekränkte Eitelkeit und Rachsucht, was schließlich in einen zwar recht überraschenden Plot mündet, doch ebenso gut in einer mittelalterlichen Dorfgemeinde angesiedelt hätte sein können. Die thematisierten Gefühle und die Form des Übersinnlichen weisen ergo keinen systemischen Zusammenhang mit dem spätkapitalistischen Universum auf, das Ligotti als Szenerie wählt, wodurch sie dem Untertitel "Three Tales of Corporate Horror" im Grunde nicht gerecht werden. Das diese Verbindung nicht gelingt ist umso merkwürdiger, als Ligotti an vielen Stellen ein tiefes literarisches Verständnis für die subjektive Seite der Arbeit innerhalb kapitalistischer Unternehmen und ihrer Kultur bezeugt.

Nähert man sich Ligottis Text aber durch die genaue Lektüre einiger der zahlreichen dichten Beschreibungen dessen, was er unter Kapitalismus versteht, eröffnet sich ein anderer Blick. Zu Beginn der ersten Geschichte formuliert Ligotti den unscheinbaren kleinen Satz:

"FEAR, WHEN BLENDED with failure, distills into a deadly brew." (S. 13)

Wenn Misserfolg und Angst ein tödliches Gemisch sind, ist der Kapitalismus – wie Laurie Penny in einem ihrer Essay vor allem mit Blick auf Männer schreibt (vielleicht sind Ligottis Geschichten in diesem Band nicht zufällig nahezu ausschließlich von Männern bevölkert) – eine Ordnung, die dieses Gemisch produziert wie am Fließband. Der Protagonist wäre dann nur eine von vielen tickenden Zeitbomben und das einzige, was ihn von seinen vielen Schicksalsgenoss_innen trennt, der graduelle Unterschied, dass er seine Explosion bereits hinter sich hat. Im Grunde ist Ligottis komplette Geschichte um diesen kleinen Satz herum gruppiert und entwirft das gleichsam freudianische Szenario eines Menschen, der die Demütigung seines Ichs in Form nach außen gerichteter Aggression abwehrt, um seine Integrität zu wahren. Ein Akt, der zum Scheitern verurteilt ist, wie sich angesichts des Plots unter Rückgriff auf Lacans Begriff des zerstückelten Körpers weiter spekulieren ließe, der bekanntermaßen den äußersten Zerfall des Subjekts markiert.

Ligotti bietet eine Interpretation des Kapitalismus an, die an sich weit erschreckender ist, als die eigentliche Handlung seiner Geschichte. Vielleicht liegt gerade dies in seiner Absicht – zu zeigen, um wieviel schlimmer der Kontext verglichen mit den immer partikularen Geschichten und Einzelschicksalen ist, die er gebiert. Ausgehend von dieser Überlegung ist es überaus interessant, wie er das Universum des Großunternehmens und das Lebens der in es eingefügten Subjekte beschreibt:

"And the days rolled by, and one grew older, and none of it seemed to possess the least import or substance. Finally, looking back from the deathbed of your entire life in the working world, you would be left exclaiming, ‘What was that all about!’ (In this sense the world of the company mirrored the world itself, which sometimes managed to stage a rousing first act, and perhaps even provide a few engaging scenes of a second before devolving into a playwright’s nightmare, wherein the actors either butchered their lines or entirely forgot them, scenery collapsed, props misfired, and most of the audience left the theater during intermission.)" (S. 31)

Der Blick zurück auf ein Leben, das keinerlei Sinn hatte, ist erschreckend. Die beschränkte Zeit auf dieser Welt wurde vertan und es ist unmöglich, die Uhr zurückzudrehen, um es besser zu machen. Das ist in der Literatur keineswegs neu und dürfte Menschen seit jeher beschäftigt haben. Klassisch ist hier Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", in dem der Protagonist schwer krank im Bett liegend auf sein mit Nichtigkeiten verbrachtes Leben zurückschaut. Allerdings hat von Proust zu Ligotti eine immense Verschiebung stattgefunden. Wo der Protagonist in "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" sich in einem heroischen Akt des Schreibens sein Leben wieder aneignet (was dem Roman seinen Namen gibt), erscheint eine derartige Anstrengung in Ligottis Universum sinnlos. Die Leere des Lebens geht hier nicht auf die reversible Oberflächlichkeit der Handelnden zurück, sondern wird diesen umgekehrt durch die Welt aufgenötigt, in welcher zu leben sie gezwungen sind. Dieser Prozess ist vor allem über die Arbeit vermittelt, die den größten Teil des Lebens einnimmt, ohne ihn mit Inhalt zu füllen.

"If it were possible to do so, the company would sell what all businesses of its kind dream about selling, creating that which all our efforts were tacitly supposed to achieve: the ultimate product – Nothing. And for this product they would command the ultimate price – Everything." (S. 43)

Wie bereits Marx wußte, ist die Arbeit im Kapitalismus als Werte produzierende Arbeit abstrakt, insofern sie lediglich als Verkörperung ebenso abstrakter Zeit zählt. Was sie produziert, ob nun einen Impfstoff gegen Krebs oder Landminen, ist vom Standpunkt der Verwertung – und das ist der Standpunkt des kapitalistischen Universums, das Ligotti zum Schauplatz seiner Geschichten macht – vollkommen gleichgültig, sofern sich – einzige Konzession an das Konkrete – das Endprodukt für irgendjemanden als nützlich genug erweist, um es zu kaufen (was für den Impfstoff ebenso gilt wie für die Landminen).

Der zweite Teil des Zitats läßt sich in doppelter Weise lesen. Zum einen weist er anschaulich auf die Maßlosigkeit eines Systems, das seinen Mitgliedern überflüssigen Mist verkauft und dafür auch noch horrende Preise verlangt. Zum anderen besteht der "ultimative Preis", der für das "ultimative Produkt" verlangt wird, in der Aushöhlung des arbeitenden Menschen, der sich selbst, sein Leben, hingibt, indem er jeden Tag aufs Neue seiner bloß als Abstraktion zählenden Arbeit nachgeht. Am Ende steht ein Subjekt (Individuum wäre zu viel gesagt), das den anderen aufs Haar gleicht, indem es sich von ihnen zu unterscheiden versucht, wobei dieser Versuch der Differenzierung zwar die verlorene Identität verteidigt, dabei aber nicht mehr darstellt, als das lächerliche Aufbäumen eines scheiternden Narzissmus der kleinen Differenz, der nicht weniger leer ist als das System, in dem er gedeiht. Ligotti veranschaulicht dies an der Angewohnheit eines Angestellten, der jeden Tag mit einer Fliege zur Arbeit erscheint, die seine Individualität verbürgen soll.

"This practice of his allowed him to express a mode of personal identity, however trivial and illusory, as if such a thing could be achieved merely by adorning oneself with a particular item of apparel or even by displaying particular character traits such as a reserved manner or a high degree of intelligence, all and any of which qualities were shared by millions and millions of persons past and present and would continue to be exhibited by millions and millions of persons in the future, making the effort to perpetrate a distinctive sense of an identity apart from other persons or creatures, or even inanimate objects, no more than a ludicrous charade." (S. 155)

Diese Leere des Selbst wirkt massiv auf das Verhältnis der Menschen zueinander zurück, die einander nicht mehr – wie es Kant für moralisch geboten hielt – als Zwecke erscheinen, sondern lediglich als Mittel, um ihre eigenen Ziele zu erreichen, die sich stets in klingender Münze ausdrücken lassen. Anbieter und Konsumenten sind die im implodierenden Sozialen einzig übrig bleibenden Rollen, die sich bestenfalls komplementär zueinander verhalten, damit aber eine unüberwindbare Kluft zwischen den Menschen errichten, da sie sich nicht auf einer Seite dieses Grabens wiederfinden und zueinander gelangen können. In letzter Instanz – und dies ist das eigentlich Erschreckende, sofern man bereit ist, Ligottis gedanklichen Schritt nachzuvollziehen – sind noch unsere freundschaftlichen Beziehungen von jener Logik durchdrungen.

"I liked Lillian, but I knew her only from the perspective of the customer, which made me just a little current in that river of cash that she needed to keep flowing into her accounts." (S. 42)

Entgehen können diesem solipsistischen Dilemma nur jene, denen es nicht gelingt entweder die Rolle des Anbietenden oder des Konsumenten zu besetzen, weil das System für sie keinen Platz bereit hält oder sie ausgespiehen hat, nachdem sie sich in ihm verbraucht haben. Dieser Zustand führt aber keineswegs zu einem wieder menschlichen Leben in Armut, vielleicht gar getragen von der Solidarität der Ausgeschlossenen untereinander. Ganz im Gegenteil sind sie ihres Angesichts beraubt und gelten als weniger als Menschen, wodurch sie den anderen (ebenso wie einander und sich selbst) als bloße Gespenster erscheinen. Nicht zuletzt ist dies auch an ihrer Unsichtbarkeit in der Öffentlichkeit ablesbar, an deren Rändern sie ihre Existenz fristen, da sie gemieden werden wie die Erinnerung an ein Trauma, über das kein Gras wachsen will.

"[...] these places frequently served as home-ground for various persons who had nowhere else to call home, the cast-offs and losers of a world that had no use for them and did everything it could to push them further and further into exile, because the presence of these living ghosts, these ambulatory spirits, was simply too haunting to be tolerated, provoking a dismal reminder of something that must be ignored at all costs . . . for these specters were not merely human detritus that the rest of us had left behind, but also citizens of a future that awaits all the empires infesting this earth, not to mention the imminent fall of those fragile homelands of flesh which we each inhabit. (S. 38)"

Zurück bleibt ein Mensch, der entweder zu leer ist, um überhaupt noch etwas zu spüren oder in seiner Unsicherheit ständig bei denen Halt zu suchen gezwungen ist, deren Handeln erst Ursache für seine Angst und destabile Restidentität ist. Auf diese Weise entsteht im Zweifelsfall ein Teufelskreis der Angst, der schließlich in Paranoia mündet, wodurch das Gefühl der Verfolgung, in dem Maße zunimmt, wie das Subjekt versucht, es im Kontakt zu anderen zu besänftigen.

"This is the paradox of always being afraid: while the pangs of apprehension and self-consciousness may allow you to imagine yourself as a being created of finer materials than most, a certain level of such agony necessarily drives you to grovel for the reassurances and approval of swine, or dwarfs if you like, who function as conductors of a fear from which they themselves do not appear to suffer." (S.7)

Wo sich das Subjekt noch verteidigt, versucht es die zentrifugale Drift der Bedeutungen, von denen seine Welt und Identität auseinander gerissen wird, durch die Reetablierung einer verbürgen Realität zu kontern, in der die Dinge einen Platz und menschliche Handlungen einen Sinn haben. Die Absurdität dieses hoffnungslosen Versuchs liegt zwar auf der Hand, doch ist er alles, was den Einsturz noch verhindert, weswegen mit aller Entschlossenheit an ihm festgehalten wird. Der aktuell um sich greifende Rassismus, der wachsende Hang zum Autoritarismus und die schleichende Tendenz zur Polarisierung der Kulturen (Samuel Huntington lässt grüßen!) lassen sich als Beispiele dieses Bemühens interpretieren. Nirgendwo sind die Grenzen klarer und die Realität deutlicher strukturiert als entlang der Linie Freund und Feind. Da hier Gegensätze behauptet werden, die bei näherem Hinsehen keine sind, wird die Absurdität durch solche Bemühungen bestenfalls auf die Spitze getrieben, doch wie das geflügelte Wort der "Postfaktizität" beweist, ist dies längst zu einem integralen Bestandteil unserer Kultur geworden.

"IN ORDER TO function with any effectiveness in the world, you – and that includes you – are forced to make a number of absurd assumptions. Chief among these is the assumption that yours is a reasonably sound mind in a more or less sound body moving within a rock-solid reality." (S. 88)

Fällt auch diese letzte Grenze, bleibt nur der Verlust eines jeden Glaubens und offenbart den unverstellten Blick in einen Abgrund der Sinnlosigkeit, angesichts dessen tiefster Pessimismus die einzig verbleibende Form des Realismus ist.

"A: There is no grand scheme of things.
B: If there were a grand scheme of things, the fact that we are not equipped to perceive it, either by natural or supernatural means, is a nightmarish obscenity.
C: The very notion of a grand scheme of things is a nightmarish obscenity." (S. 14)

Aus Ligottis kleinen Texten in "My Work is not yet Done" ließe sich sicherlich noch mehr heraus holen, doch würde dies den rahmen der Art von Texten sprengen, für die Ismael sich auf dieser Webseite entschieden hat. Wie schon eingangs gesagt: Als Werk der Horrorliteratur bleibt der Band zwiespältig, da er die Welt des modernen kapitalistischen Unternehmens nur in sehr einfacher Weise mit der Welt der Horrorliteratur verknüpft, die Ligotti in seinen sonstigen Kurzgeschichten entwirft. Doch bietet sich wie bereits angedeutet auch eine andere Interpretation an: Die Welt des Kapitalismus ist von einer so abgrundtiefen Leere und einem so verzweifelten Pessimismus durchzogen, dass jede Horrorgeschichte sich gegen sie nahezu friedlich ausnimmt. Der eigentliche Effekt wird hier durch die Beschreibung des durchschnittlichen Lebens in einem ebenso durchschnittlichen Unternehmen und seinen Auswirkungen auf die in dessen Rad gespannten Menschen erzielt, nicht durch deren Erlebnisse, Hoffnungen und Leiden, so erschreckend diese auch sein mögen.

Nicht zuletzt eröffnet sich von hier ein (aus dem Blickwinkel des Sozialwissenschaftlers) reizvoller Blick auf Ligottis Pessimismus. Vielleicht entspringt dieser weniger dem Blick in eine dem Wesen nach fatale Conditio humana als den von einer pathologisch strukturierten Welt hervorgerufenen Ängsten, die in den Bereich der Metaphysik verschoben werden, um besser mit ihnen fertig zu werden: Wo alles zum Scheitern verurteilt ist, braucht sich niemand mehr Sorgen zu machen. Und vielleicht ist es dies, was Ligotti seinen Leser_innen augenzwinkernd nahelegen wollte: Aufklärung zwischen den Zeilen und damit das Aufblitzen eines Optimismus, den augenscheinlich auch der größte Pessimist nicht los wird.

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