Aber diese Träume erfuhren eine unliebsame Wendung: plötzlich scharten die Schafe sich zusammen wie vor einem nahen Feind, und in den Getreidefeldern begann es zu wogen, als kröche da irgendein Untier zwischen den Halmen heran. (Algernon Blackwood)





MARK Z. DANIELEWSKI

Mark Danielewski ist in Deutschland noch nicht sonderlich bekannt, vor allem, da die Übersetzung gemessen am Umfang seines Werks noch in den Anfängen steckt. Aus Ismaels Blickwinkel ist vor allem sein Debütroman "Das Haus. House of Leaves" von außerordentlichem Interesse, da es sich hier (im Gegensatz zu seinem sonstigen Werk) um einen dezidierten Horrorroman handelt, der vor allem durch das Unzeitgemäße seines Themas interessiert. Danielewski unternimmt in House of Leaves nicht weniger als einen klassischen Hausroman zu schreiben und sich damit einer Thematik zu widmen, die eigentlich tief im viktorianischen Zeitalter verankert ist und heute allenfalls noch im Kino in Form kommensurablen Gruselns in Erscheinung tritt. Was die Geschichte so überzeugend macht, ist die Art und Weise, wie sie das klassische Thema variiert und in die Moderne überführt, indem sie einerseits überaus geschickt an den Filmtrend der Found Footage Filme anknüpft und andererseits Themen des kosmischen Horrors in der Tradition Lovecrafts aufgreift, allerdings in einer äußerst geglückten Art, da Danielewski eher mit dem Metathema Lovecraft spielt, als sich in direkter Weise an dessen Narrationsmustern zu orientieren.

Um dies besser verständlich werden zu lassen, sei an dieser Stelle kurz (und spoilerfrei) die Handlung zusammengefasst. Eine Familie (ganz konservativ: Vater, Mutter, zwei Kinder, Hund und Katze) zieht in ein Haus auf dem Land, nicht zuletzt, weil die Eltern sich davon versprechen, in ihrer deutlich angeknacksten Ehe zu einer neuen Form von Nähe zu finden. Das Haus erweist sich dabei in zunehmenden Maße als architektonisches Rätsel. Wo es zunächst auch nach genauesten Überprüfungen von innen gemessen länger als von außen ist, tut sich schließlich hinter einer Tür in der Küche ein Korridor auf, der in ein Labyrinth aus nackten Wänden führt, die sich zu beeindruckenden Räumen, riesigen Gewölben und endlosen Treppen formen, ansonsten aber nichts zu beherbergen scheinen als das Nichts selbst. Dem grundlegenden Thema des Genres entsprechend scheint das Haus von einer bösen Art des Bewußtseins durchdrungen, das sich stückweise entfaltet und die Protagonist_innen schließlich zu verschlingen droht.

Wer nun denkt: Hab ich schon gelesen und in tausend Filmen gesehen, hat Recht und Unrecht zugleich: Recht weil Geschichten um Häuser, die "irgendwie" böse sind, wie bereits gesagt, spätestens seit dem viktorianischen Zeitalter fester Bestandteil der Horrorliteratur sind, Unrecht, da Stil, Typographie und Satz in Danielewskis Werk selbst eine inhaltliche Rolle spielen, indem sie performative Kraft ausüben und dadurch die Handlung vorantreiben. Ismael muss beim Gedanken an House of Leaves immer ein wenig an Lovecrafts berühmte Geschichte "Die Ratten im Gemäuer" denken, die im Grunde genommen eine ähnliche Erzählstruktur aufweist. Ein Haus, komische Geräusche, schließlich die Entdeckung eines Durchgangs in weit verzweigte unterirdische Anlagen, in denen schließlich die schreckliche Wahrheit hinter dem unscheinbaren Leben des Hauses zutage kommt. Dies ist einer der reizvollen Punkte aller Hausgeschichten im Allgemeinen. Sie spielen in den meisten Fällen in den Wohnstätten von Adels- bzw. Oberschichtsfamilien und legen im Laufe ihrer Handlung bloß, welch dunkle Geheimnisse sich hinter dem so untadeligen Leben ihrer statushohen Bewohner versteckten oder (je nach gewählter Zeitstruktur) noch immer verstecken. Hinter der viktorianischen Bürgerlichkeit des sich entwickelnden Kapitalismus lauern Intrige, Betrug und Mord und bilden das Komplementärstück zur Macht der Herrschenden.

Danielewski spielt mit dieser Struktur und wendet sie in die Moderne, indem er sie erneut auf das Verborgene hin befragt (ebenso wie der brilliante Film "Caché" von Michael Haneke, auch wenn dieser sich der Thematik gänzlich anders nähert). Man könnte also spekulieren, dass es zwischen der Ausbreitung des Kapitalismus und dem gesteigerten Interesse für alles, was sich erst durch intensive Nachforschungen offenbart, was versteckt und für keines Menschen Augen bestimmt ist, einen engeren Zusammenhang gibt – nicht zuletzt, weil das Genre der Horrorliteratur im Zuge der Entwicklung des Kapitalismus wesentlich stärkere Verbreitung gefunden hat.

Neu bei Danielewki ist, wie er die Form seines Romans zu einem Bestandteil der Handlung selbst macht und auf diese Weise neben die inhaltliche Handlung eine Handlung des Stils und der Form stellt. Der Roman wird aus mehreren Perspektiven erzählt. Aus der Perspektive der Familie Navidsons, der das Haus bewohnte und einen Film über dessen Geschichte drehte, aus derjenigen Zampanos, der versuchte, die Entstehung und Bedeutung dieses Films zu rekonstruieren und schließlich aus der von Johnny Truants, der die Fragmente Zampanos findet und aus ihnen ein Buch zu machen versucht. Nicht zuletzt mischen sich auch die späteren Herausgeber des Buches hin- und wieder in den Text ein, indem sie offene Fragen formulieren oder verbleibende editorische Unklarheiten beschreiben. Der Text wird auf diese Weise zu einer dichten Polyphonie, in der sich die verschiedenen Stimmen nur durch variierende Schrifttypen und Fußnotensetzungen unterscheiden lassen und sich Stück für Stück aus vielen kleinen Teilen ein gemeinsames Bild zusammen setzt. Auf die Spitze getrieben wird dies durch den Satz des Buches, der zwischen normalen Schriftfluß, mehrspaltigem Layout, auf Einzelseiten verlorenen Wörtern und über die Fläche der Seite von oben nach unten stürzenden Sätzen wechselt, um das Schwanken zwischen Normalität und Wahnsinn auch optisch erfahrbar zu machen. Und auch der Text springt zwischen verschiedenen Literaturgattungen (nicht so extrem wie Joyce im Ulysses, aber von einer ähnlichen Idee durchdrungen). Er ist wissenschaftliche Abhandlung (Zampano), Beatliteratur (Truant) und liest sich an anderen Stellen, als würde man einen klassischen Found Footage Film schauen (Navidson). Zusammengenommen verschafft das dem Buch eine Überzeugungskraft, die es Danielewski ermöglicht, ein Szenario kosmischen Schreckens zu erschaffen, das die Leser_innen nicht nur bannt, sondern sie zu einem aktiven Teil der Geschichte macht, da sie die Aufzeichnungen nicht weniger entschlüsseln als der an selbigen zerbrechende Truant, der mehr und mehr zum Opfer der Kräfte wird, von denen Navidson und Zampano im Laufe ihrer Recherchen heimgesucht werden. Während der Lektüre des Buches wirft man unweigerlich einen anderen Blick auf Fugen in den Wänden oder plötzlich auftauchende Spalten im Parkett.

Das Grauen – so ließe sich hier mit Danielewski formulieren – entfaltet sich, sobald man beginnt, die Teile des Puzzles zusammen zu setzen, die vor unser aller Auge liegen und keinen Zusammenhang zu besitzen scheinen. Das es sich gewöhnlich nicht erschließt, da es erst unter dem sezierenden Blick einer Vielzahl von Menschen Konturen gewinnt, bedeutet jedoch keineswegs, das es nicht da wäre, versteckt unter dem unscheinbaren Rauschen des Alltags. Auch hier knüpft Danielewski in gewisser Weise an Lovecraft an, der zu Beginn von „Cthulhus Ruf" schrieb:

Ich glaube, die größte Barmherzigkeit dieser Welt ist die Unfähigkeit des menschlichen Verstandes, alles sinnvoll zueinander in Beziehung zu setzen. Wir leben auf einer friedlichen Insel der Ahnungslosigkeit inmitten schwarzer Meere der Unendlichkeit, und es war nicht vorgesehen, dass wir diese Gewässer weit befahren sollen. Die Wissenschaften steuern alle in völlig verschiedene Richtungen und sie haben uns bislang nur wenig Schaden zugefügt, doch eines Tages wird uns das Aneinanderfügen einzelner Erkenntnisse so erschreckende Perspektiven der Wirklichkeit und unserer furchtbaren Aufgabe darin eröffnen, dass diese Offenbarung uns entweder in den Wahnsinn treibt oder uns aus der tödlichen Erkenntnis in den Frieden und den Schutz eines neuen dunklen Zeitalters flüchten lässt.

Wie bereits zu Beginn beschrieben, ist Danielewski jedoch keineswegs einer der vielen Schriftsteller, die (in teils ermüdender Weise) das Werk Lovecrafts weiterführen. Es sind eher die grundlegenden Prämissen, welche Danielewski von Lovecraft übernimmt, dessen Blickwinkel auf die Welt, die sich allerdings – wie aus House of Leaves deutlich heraus zu lesen ist – seit 1937 (Lovecrafts Tod) grundlegend verändert hat. Der springende Punkt beim Genre der kosmischen Furcht ist deren Eigenschaft, die epistemologischen Grenzen der etablierten Wirklichkeitskonstruktionen auszuhebeln und das hinter dieser Grenze Verborgene bloßzulegen.

Und genau hier ist der grundlegende Unterschied zwischen beiden zu finden, der Danielewski zu einem Autor macht, der sich dezidiert in die Tradition einreiht, jedoch nur, um etwas gänzlich neues und eigenständiges zu erschaffen – was der einzige Weg ist, auf dem die Tradition überleben kann, ohne als museales Ausstellungsstück zu verenden.

Wo bei Lovecraft die Welt hinter dem Schleier alltäglicher Wahrnehmungen und unreflektierter Vorannahmen, von uralten Wesen heimgesucht wird, von denen lediglich dunkle Ahnungen überlebt haben, das Jenseits also reich bevölkert ist, tritt bei Danielewski etwas gänzlich anderes in den Vordergrund. Das hinter der Küchentür verborgene Jenseits ist leer, es existiert nichts darin, allenfalls die Vermutung, hinter den periodisch hörbaren Geräuschen könne sich eine wie auch immer beschaffene Entität verbergen. Da dieses Etwas nie zutage tritt und das einzig Lebendige in dem endlosen Labyrinth hinter der Tür die Menschen sind, die es erkunden, bleibt dies lediglich eine Vermutung; vielleicht eine Art Trost angesichts der schier unendlichen Ausdehnung eines finsteren und offensichtlich vollkommen sinnlosen Nichts, das den Verstand zermürbt, indem es ihn vor unlösbare Rätsel stellt. Gegenüber den Inkarnationen des Chaos, die Lovecraft in Form seiner alten Götter hinter der Grenze situiert, die uns hindert, den wahren Kern der Dinge zu erblicken, nimmt Danielewski eine radikale Reduktion vor, indem er zwar ein Jenseits präsentiert, doch eines, das auch nach intensivster Erforschung nichts von sich preisgibt, keine Geschichte, keinen Ursprung, keine Zukunft, keine Intention, nichts, an dem der Verstand sich festhalten könnte.

Von hier aus betrachtet wird House of Leaves als Roman lesbar, dessen wirklicher Horror nicht primär in den Geheimnissen des Hauses wurzelt, das zentraler Ort der Handlung ist, sondern eher in den Geschichten des Scheiterns, die seine Protagonist_innen durchlaufen, die verzeifelt auf der Suche nach einem Sinn oder zumindest einem Grund für die Existenz dieser jenseitigen Welt suchen, über die sie per Zufall gestolpert sind, und trotz all ihrer Bemühungen nicht das Geringste finden.

Wendet man die Verschiebung von der Welt Lovecrafts zu derjenigen Danielewskis spekulativ ins Gesellschaftswissenschaftliche, blicken beide zwar aus der gleichen Perspektive auf die Welt, gelangen jedoch aufgrund der sie trennenden historischen Entwicklung zu unterschiedlichen Schlußfolgerungen. Die Angst zu Lovecrafts Zeiten galt einer Welt, die auf der Oberfläche entzaubert und vom Geist der Aufklärung durchdrungen sein mochte, der es gestattete das Morgen in Form logischer Interpolation vielleicht nicht exakt vorherzusehen, aber seinen Kurs genau genug zu bestimmen, um ihm die Schrecken der Kontingenz zu nehmen, in ihren tiefen Schichten allerdings von Chaos und Willkür regiert wurde. Danielewskis Welt wird von der Angst heimgesucht, hinter ihrer auffällig lauten Betriebsamkeit, verstecke sich in letzter Konsequenz schlicht und einfach nur eine gähnende Leere, von der sich nichts anderes sagen läßt, als das sie existiert und jederzeit in die bekannte Welt hinübergreifen kann, die ihr nichts entgegenzusetzen hat, außer der Fragilität sozialer Bande und der Anmaßung wissenschaftlicher Interpretation. Damit bringt Danielewski den heute mehr und mehr zentralen Widerspruch des Kapitalismus in Form einer Geschichte auf den Punkt, deren Struktur er aus dem viktorianischen Zeitalter in die Moderne transferiert. Nach dem Sinn oder dem Grund ihrer Existenz gefragt, könnte die heutige Gesellschaft im Gegensatz zu allen vorhergehenden lediglich in einer tautologischen Geste auf sich selbst verweisen – eine leere Geste, die der Grund für das sich mehr und mehr verbreitende moderne Unbehagen ist.

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